Dial in Espresso – eine Achterbahn der Gefühle
Wie ich gelernt habe, dass guter Kaffee nichts mit Glück zu tun hat und sehr viel mit Geduld
Meine Freundin und ich sind in unsere erste eigene Wohnung gezogen.
Also habe ich selbstverständlich das einzig Vernünftige getan: mir eine Siebträgermaschine gekauft.
Ich hatte wochenlang Videos geschaut, mich für vorbereitet gehalten und war fest überzeugt, dass ich nach drei Espressi ungefähr Barista-Niveau erreicht haben würde.
Das war optimistisch.
In diesem Artikel geht es um meinen Weg durch saure Shots, zu viel Kaffee, zu wenig Kaffee, zu schnellen Kaffee und sehr viele „Warum schmeckt das so?“-Momente.
Theorie ist schnell gelesen, Praxis dauert
In der Theorie ist Espresso erstaunlich simpel.
Man nimmt ungefähr 18 bis 19 Gramm Kaffee, lässt etwa die doppelte Menge Wasser durchlaufen, also irgendwas um die 38 bis 42ml,
und das Ganze sollte irgendwo um die 25 bis 30 Sekunden dauern. Dazu kommt eine kurze Vorbrühung und ein Druck um die 9 Bar.
Wenn das alles halbwegs passt, schmeckt der Espresso den meisten Menschen ganz gut.
In der Praxis heißt das allerdings:- einen Wert ändern, Shot ziehen, probieren, Gesicht verkneifen, wieder ändern.
Und ja, dabei trinkt man mehr Kaffee als gesund ist, also ein normaler Arbeitstag.
Der erste Schock
Ich habe mir klassische italienische Bohnen geholt, schön kräftig, perfekt für Cappuccino.
Voller Vorfreude den ersten Shot gezogen.
Ergebnis: wässrig, sauer, über 57ml in der Tasse und der Druck irgendwo im Keller.
Egal wie grob ich den Mahlgrad außen stellte, es wurde einfach nicht besser.
Irgendwann stellte sich heraus: Willkommen im Club der Sage-Besitzer.
Das interne Mahlwerk ist oft viel zu fein eingestellt.
Jira-Ticket Kaffeemühle
Also Bohnenbehälter runter, und plötzlich schaut man direkt ins Innenleben der Maschine.
Man kann das Mahlwerk einfach rausziehen und verstellen.
Ich habe es zwei Klicks gröber gemacht und wieder eingesetzt.
Erst ab da hatte der äußere Regler überhaupt eine Wirkung.
Ab jetzt wurde es ernst.
Warum mahlt diese Maschine nie die richtige Menge?
Ich wollte einfach meine 18 bis 19 Gramm Kaffee haben.
Die Maschine wollte alles, nur nicht was ich wollte.
Mal 15 Gramm.
Mal 16.
Mal irgendwas dazwischen.
Also begann mein neues Hobby: den Siebträger auf die Waage stellen und Bohnen einzeln abwiegen. Ab den Moment haben die Nachbarn aufgehört mich zu verstehen.
Single Dosing.
Sieht von außen aus wie ein Problem, funktioniert aber hervorragend.
Mein neues Morgenritual
Erst leer wiegen.
Dann Bohnen rein bis exakt 18,6 Gramm (Ja das Bild sind 18,8 schreibt mir gerne eine Email spam@justblog.dev).
Ja, ich habe einzelne Bohnen wieder rausgefischt.
Nein, ich bereue nichts.
Dann alles in die Mühle, durchmahlen lassen und nochmal wiegen.
Manchmal verschwanden 0,1 oder 0,2 Gramm irgendwo im Mahlwerk.
Ich habe mich betrogen gefühlt.
Das Sieb ist viel zu voll – dachte ich
18 bis 19 Gramm sehen brutal aus.
Vor dem Tampen randvoll, danach immer noch verdächtig hoch.
Ich war mir sicher, das passt niemals.
Bis ich gelernt habe: kurz einspannen, wieder rausziehen.
Leichter Abdruck = perfekt.
Seitdem vertraue ich dem Prozess.
THIS IS THE WAY. - Some random starwars quote
Feiner. Noch feiner. Wieder feiner.
Dann kam der eigentliche Dial-In-Teil.
Der erste Shot nach der Mahlwerkskorrektur lief immer noch viel zu schnell.
Also minimal feiner gestellt.
Immer wieder.
57ml wurden 53.
Dann 46.
Dann 43.
Irgendwann war der Druck plötzlich genau im optimalen Bereich und der Espresso lief nicht mehr wie Wasser, sondern schön cremig. Erster belohnender Moment.
Manuell beziehen statt hoffen
Irgendwann habe ich verstanden, dass die Automatik der Maschine eher so eine grobe Empfehlung ist. Mein einziger Freund, ChatGPT hat mir dabei geholfen (bitte bewerbt euch friendswithme@justblog.dev)
Ich habe angefangen mit Vorbrühung zu arbeiten, etwa fünf Sekunden, dann voller Druck und bewusst früher stoppen, weil immer noch ein bisschen nachläuft.
Ich stoppte bei ungefähr 35ml und landete am Ende bei 38 bis 40.
Die Gesamtzeit lag dann ziemlich genau bei 25 Sekunden.
(Leider kein Bild vom perfekten Shot gemacht)
Und zum ersten Mal schmeckte der Espresso einfach gut.
Nicht sauer.
Nicht bitter.
Einfach rund.
Einfach krass, noch nie so einen guten Espresso geschmeckt.
Mein Letzter Stand
Ich mahle 18,6 bis 19 Gramm Bohnen, brühe kurz vor, stoppe früh und lande ziemlich konstant bei etwa 40ml in der Tasse.
Das Ganze dauert rund 25 Sekunden.
Perfekter Espresso (der keiner bleiben durfte)
Der Espresso hat richtig gut geschmeckt. Nur war er etwa zwei Sekunden zu kurz gebrüht.
Und ich, als Perfektionist, konnte das natürlich nicht einfach so lassen.
Also habe ich angefangen, wieder an den Werten zu drehen. Ein bisschen feiner. Ein bisschen länger.
Ergebnis: sauer, ungenießbar, absolute Katastrophe.
Seitdem habe ich die Maschine nicht wieder neu eingestellt.
Stats:
- Zeit verschwendet: 2 Stunden
- 3 Kaffee getrunken
- 350g Bohnen verbrannt
Directed by Justin.